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10 000 Tote

23.1.14 Wir sitzen im Buero und geben Daten in Computer ein. 14 Uhr. Welch ein eintoeniger Tag. Doch das soll sich bald aendern, wenn Barnet die Tuer oeffnet. Wollen wir mitkommen, eine kleine Rundfahrt? Sicher! Barnet und einer seiner Freunde sind schon seit Kindergartenalter im Roten Kreuz taetig. Wir steigen ins Auto und los gehts. Wir fahren zum Hafenviertel, eines der Aermsten Gebiete, um das Schiff zu sehen. Das Schiff, dass an Land gespuelt wurde. Es steht aufrecht direkt neben der Strasse. Vermummte Arbeiter sind dabei Holzbloecke darunter zu manoevrieren. "Am Anfang war es direkt auf der Strasse. Dort wo es jetzt steht waren Haeuser. Die Menschen haben versucht es zu verbrennen, sie waren so wuetend, weil es so viele getoetet hat. Jetzt muss es aufgerichtet werden, damit man die Toten darunter bergen kann. 30 Leichen erwartet man...naja, oder ehr 30 Skelette, mittleiweile.", Barnet erzaehlt als waere nicht weiter dabei. "Wollt ihr das Massengrab sehen?" Wir stimmen zu, steigen ins Auto und hoeren wie gebannt zu als Barnet wieder zu erzaehlen beginnt: "Hier auf der Stasse, da war alles voll Leichen. Ueberall lagen sie herrum. Nach ein paar Tagen fing es echt an zu stinken...und da waren Leute, die ihre Verwanten und Freunde auf Holzplatten gelegt habe und diese an Stricken hinter sich her gezogen haben...und wir haben uns nur gefragt: Wohin gehen sie? Aber warscheinlich wussten sie das selber nicht. Ich erinner mich nur an die Kinder und die Babys...Die gehen mir nicht aus dem Kopf." Wir kommen am Massengrab an. Es regnet. "Ihr koennt aussteigen und ein Bild machen wenn ihr wollt. Gut das es regnet, da stinkts nicht so doll. 3000 Tote sind hier. Die koennen noch nicht begraben werden, weil sie noch nicht identifiziert wurden. Ich frage mich we sie das jetzt noch anstellen wollen...ist ja nicht mehr viel zu erkennen." Wir steigen aus und machen ein paar Bilder, waerend der suessliche geruch in der Luft liegt. Acht neue Leichen wurden heute gebracht. In schwarzen Taschen liegen sie unter einem kleinen Unterstand. Der Rest des eingezaunten Grundstuecks ist nur sumpfiger Schlamm. Anscheinend haben sie das Grab doch zugeschuettet. "Die offiziellen Zahlen sind bei 7000, glaube ich. Aber die Regierung versucht sie so gering wie moeglich zu halten. Wir alle wissen das es mehr sind. Viel, viel mehr. Vielleicht 10 000. Vielleicht auch 20 000. Aber das wollen sie nicht zugeben. " Barnet und sein Freund machen Witze. Der philippinische Humor ist so dunkel, aber ich kann mir das Lachen nicht verkneifen. Wir fahren zu einem Restaurant. Reis, Nuden und Schweineohren werden serviert. Vor dem Essen wird gebetet, fuer die Toten. Dann reden wir ueber etwas anderes und lasses es uns schmecken. Das Leben geht weiter...und weiter und weiter...auch wenn man gerade ein Massengrad besucht hat.
2.2.14 04:30


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22.1.14 Ab 6 Uhr morgens wir es geschaeftig im Buero des Roten Kruezes. Ich erwache wiederwillig von meinem unruhigem Schlaf. Alle paar Stunden muss ich aufwachen um eine neue Moskitokerze anzuzuenden, denn sobald sie abgebrannt ist werde ich von den Insekten atakiert. Poster an der Wand warnen vor Dengue Fieber. Wir rollen unsere Matten, Decken und Schlafsaecke zusammen, die uns als Bett dienen. Der Kampf um die wenigen Badezimmer beginnt. Ich stehe in der Schlange, bewaffnet mit Seife, Handtuch, Zahnbuerste, Trinkwasser und mehr oder weniger frischen Anziehsachen. Das Bad ist schlammig aber immerhin nicht ueberflutet. Das Waschbecken ist dreckig, der Wasserhahn funktioniert nicht. Ein riesiger Wasserkontainer und ein kleiner Schoepfeimer dienen als Dusche und Klospuelung. Die Tuer schliesst nicht richtig. Seit meiner Ankunft hier habe ich keinen Spiegel gesehen. Mein Ruecken schmerzt und ich habe Dauerschnupfen. „Guten Morgen, Ma'm Antonia!“ Ich habe mich an die Vormalitaeten gewoehnt. So viele Gesichter, so viele Namen. Menschen kommen und gehen. Ein Hallo, eine Geschichte, eine geteilte Mahlzeit und Aufwiedersehen. Jemand reicht mir eine Tasse Kaffe mit viel Zucker und Milchpulver. „Hast du schon gegessen?“ Der meist gehoerte Satz, gleich nach „Hallo“ und „wie geht’s?“. Reis mit Dosentunfisch, Reis mit Nudeln, Reis mit Reis. Kein Salz. Aber gewuetzt mit laechelnden Gesichtern schmeckt es wie im 5 Sterne Hotel. Ich schneide eine Plastikflasche auf und empfange meine Portion. Manchal gibt es Plastikgablen. Heute essen wir mit den Haenden. Nach dem Fruehstueck heisst es arbeiten. Der beste Job ist die Ausgabe der Hilfsgueter. Ein Fliessbandjob, doch jedes mal wenn ein Packet Nudeln, ein Sack Reis, ein Zelt oder ein Moskitonetz den Empfaenger erriecht, wird man mit einem umbezahlbaren „Danke, danke, salamat, Ma'm“ belohnt. Der Anfang eines jeden Tages ist schwer. Ich wuensche mir nichts mehr als eine Dusche, eine Klobrille, eine Waschmaschiene, Klopapier, ein Glas Milch und ein Bett. Jeden Abend gehe ich laechelnd schlafen. Auch wenn es nicht der angenehmste Aufenthalt ist, ich denke an die Menschen da draussen, die kein Dachen haben, keinen trockenen Schlafplatz und keine trockenen Sachen in diesem Dauerregen. Fliessend Wasser hunderte von Metern entfernt und keine Toilette. Wir leben im Luxus hier! Und gleichzeitig sind diese Menschen die freundlichsten und gluecklichsten die ich kenne. Ich freue mich nicht mehr auf Daheim. Wie soll ich heiß duschen und in meinem weichen Bett schlafen, wenn mir jeden Tag Menschen auf der Strasse zurufen: „Rotes Kreuz! Wann kommt ihr endlich zu uns?“ Ich werde die Freunde vermissen die ich hier gefunden habe. Wir in unseren erste Welt Laendern koennen uns gar nicht vorstellen wie verwoehnt wir wirklich sind. Dabei ist ein Laecheln und ein freundliches Wort so viel mehr wert als all die Dinge die wir taeglich kaufen um unser Leben besser und einfacher zu machen. Tindog, Tacloban! (Steh auf, Tacloban)
2.2.14 03:33


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